Irrelevant

SeminarraumDer karg eingerichtete, neonbeleuchtete Raum im eintönig grauen Funktionalbau der Siebziger Jahre war dicht besetzt. Den später als überpünktlich Erschienenen blieben nur Stehplätze am Rand oder der harte PVC-Boden als Sitzgelegenheit. Doch da die Konzentration dem Wesentlichen gelten sollte, waren solche atmosphärischen Unannehmlichkeiten keiner sonderlichen Beachtung wert.

Es war im kühlen, nassen Herbst 1982. Der peinlich grinsende, unförmige Biedermann aus Ludwigshafen-Oggersheim war gerade Kanzler geworden, und hatte eine geistig-moralische Wende verkündet. Wer schon von der Attitüde des hanseatischen Leutnants in jenem Amt die Nase voll hatte, und nach den bewegten beiden Jahren zuvor fest entschlossen war, der drögen Republik ein frisches, neues Gesicht zu verleihen, musste dies als dreiste Herausforderung, gar als Bedrohung empfinden. Er musste scheitern, der unverhofft an die Schalthebel gelangte Pfälzer Provinzfürst. Zu groß das Amt, zu dürftig sein Format, zu viele von uns!

Leider erkennt man Entwicklungen häufig nicht aus seiner Zeit heraus oder bewertet sie falsch. Mit dem zeitlichen Abstand wird in der Rückschau jedoch klar, dass viele der Protagonisten späterer Krisenjahre in dieser Kohl’schen Wendezeit schon in den Startlöchern saßen – manchmal direkt am Nebentisch.

Da versammelten sie sich, frisch der Schule entwachsen oder der Ödnis des Kasernenhofs entronnen, nun in adretten Klamotten, glatt rasiert und gescheitelt, das obligate Samsoniteköfferchen neben sich, um das zuvor in langer Vorlesung gehörte zum besseren Verständnis aufzuarbeiten.  Als aber eine vertiefende Diskussion – dem Tutoren durchaus willkommen – aufzukommen drohte, waren es genau jene Karrieros, die mit Vehemenz dagegen anredeten. Es solle doch bitteschön nicht in eine Laberstunde ausarten; nicht klausurrelevant sei dies und somit nicht zielführend. Dieses Ziel sei einzig die Wissensvermittlung zur Erlangung des begehrten Scheines, also des Leistungsnachweises, der zur Belegung weiter führender Veranstaltungen berechtigte. Alles andere sei bloße Zeitverschwendung.

Viele dieser unreflektierten Studenten jener Zeit sind heute dort, wo sie immer hin wollten.  Sie sitzen als Entscheider in führenden Positionen von Unternehmen, als Journalisten in Wirtschaftsredaktionen oder geben als hochdotierte Unternehmensberater weit reichende Empfehlungen ab. Sie bleiben dabei Dogmen verhaftet, weil sie nie anderes haben Sehen oder Denken wollen. Sie brauchten sich garnicht erst glatt zu machen oder geistig-moralisch gewendet zu werden; sie waren nie anders und wollten nie anderes als schleunigst an die großen Fressnäpfe heran. Wer sich über den Zustand der heutigen Ökonomie wundert, und sich fragt, weshalb es so weit hatte kommen können, sollte nicht nur das System, sondern vor allem auch die handelnden Personen und deren Werdegang ins Auge fassen. Die Fehlfarben hatten recht: Schnnöselmaschine hat das Leben besetzt – es sind die Schnösel von einst.